Ein Herbsttag im November

Erinnerung an November 2015 – Blog vom 25.12.2018

„Es ist kalt draußen. Zieh‘ dir bitte Halstuch und Mütze an.“ – Ein Satz, wie ihn viele Mütter und Väter zu ihren Kindern sagen, insbesondere an einem kalten Novembertag. Schließlich sollen alle gesund bleiben. Wir (Vater, Mutter, Kind) führen ein geregeltes Leben, mehr oder weniger gut organisiert. Beide Eltern sind voll berufstätig. Wir lieben unsere Arbeit, aber in den letzten Wochen sind wir sehr viel stärker gefordert, als sonst. Wir versuchen den vielen Anforderungen zwischen unzähligen Projekten im Büroalltag und dem Krankheitskarussell irgendwie gerecht zu werden. Ja, das Krankheitskarussell. Eine Familie mit Kind in der KITA oder auch liebevoll die Viren-Hölle genannt, sitzt sehr häufig auf diesem Karussell. Man kann „Neu-Eltern“ und „Alt-Eltern“ übrigens bereits vor der KITA-Eingangstüre an ihrem Gesichtsausdruck erkennen, wenn DER Zettel an der Tür klebt. „DER Zettel“ hat immer die gleiche Größe und es steht genau eine Information darauf, die wie folgt oder ähnlich lauten kann: Grippe, Krätze, Läuse, Scharlach, Magen-Darm, Norovirus, Hand-Mund-Fuß…„Neu-Eltern“ bleiben erstarrt mit ihrem Kind an der Hand vor der Tür stehen und überlegen sich verzweifelt, was sie jetzt machen. Da wird das Kind entweder wieder mit nach Hause genommen oder es wird wild telefoniert, um die Betreuung des Kindes irgendwie sicherzustellen. „Alt-Eltern“, zu denen auch wir gehören, atmen einmal tief und schwer und gehen hinein, geben ihrem Kind einen Kuss, verabschieden sich und hoffen inständig, dass der Kelch an ihnen vorübergeht. Aber sie wissen, das ist ein Glücksspiel. Mal gewinnt man, mal verliert man.

Heute ist Sonntag – Familientag. Endlich sind alle gesund, also ab nach draußen. Wir verabreden uns mit einer anderen Familie und gehen gemeinsam in den Wald. Es ist wunderbar. Die Kinder bauen gemeinsam mit uns Verstecke aus Ästen zusammen. Wir stapfen durch das raschelnde Herbstlaub. Alle lachen und haben großen Spaß. Die Anstrengungen der letzten Wochen und die vielen To do’s aus dem Büro sind für einen Moment vergessen. Nach zwei Stunden wollen wir nun den Heimweg antreten und ich mache diesen EINEN Schritt. EINEN falschen Schritt, der mich auf dem Laub wegrutschen und zusammensacken lässt, denn ich weiß sofort: Der Fuß ist gebrochen! Ich sitze zwischen Bäumen auf dem Boden. Mir wird heiß und kalt zugleich und mir schießen Tausend Gedanken durch den Kopf. Da sind sie sofort wieder in meinem Kopf – die unzähligen Projekte und To do’s. Außer dem bösen SCH-Wort kommt nichts über meine Lippen. Die Kinder schauen mich entsetzt an: „Das sagt man aber nicht“. Recht haben sie, aber mir ist klar: DAS ist kein Schnupfen. Nun sitze ich da im Wald, kann nicht auftreten. Der Papa der anderen Familie mit uns im Wald ist Soldat, nimmt sich meinen Schal. Er dreht und wendet ihn so lange, bis er meinen Schal zu einem Tragesitz umfunktioniert hat. „Wahnsinn, Mac Gyver“ denke ich mir und bin trotz der Schmerzen fast ein wenig amüsiert. Mein Mann und der Soldat tragen mich aus dem Waldstück heraus. Nun gut, denke ich. Alles ziemlich bescheiden, aber dann fahren wir jetzt halt ins Krankenhaus. Ich werde einen Gips bekommen und nach ein paar Wochen ist alles wieder gut. Nach dem ersten Schreck bin ich schon wieder lösungsorientiert unterwegs.

In der Notaufnahme warte ich gemeinsam mit meinem Mann auf den Arzt, der das Röntgenergebnis mit mir besprechen möchte. Interessant, er bringt noch zwei Kollegen mit. Einer der Kollegen stellt sich als Chef-Chirurg vor. Ich bin beeindruckt. Nun starren drei Ärzte meine Röntgenbilder an und brummen vor sich hin. Der Chef-Chirurg zeigt auf dieses graue Etwas und fragt mich: „Sehen Sie das?“ Da ich mich am Schulunterricht einigermaßen aufmerksam beteiligt habe, kann ich die Knochen eines Fußes erkennen, was ich dem Arzt witzelnd mitteile. Mein Humor wird schon mal nicht geteilt von dem Ärzte-Team um mich herum. Die Ärzte erklären mir, dass ich mehrere Brüche im Sprunggelenk habe und die Knöchelbänder abgerissen seien. „Mit halben Sachen gebe ich mich halt nicht zufrieden“ gebe ich lachend zu Protokoll. „Dann gipsen Sie den Fuß jetzt mal gut ein. Ich bin langsam ganz schön müde, habe Hunger und möchte gerne nach Hause.“ Jetzt fängt der Chef-Chirurg zu meiner großen Verwunderung an zu lachen. Das mit dem Hunger könne das Krankenhaus sicherlich noch in den Griff kriegen. Auf der Station wäre vom Abendessen bestimmt noch was übrig, aber nach Hause würde ich erstmal nicht kommen. Die nächsten Tage und die Entwicklung der Schwellungen würden darüber entscheiden, wann sie mich operieren können. So, da ist sie nun endlich aufgeschlagen – die harte Realität! Nun wird auch mir klar, dass diese Nummer länger dauern wird. Die Zeit nach der OP ist vor allen Dingen von Schmerzen geprägt und Sorgen. Die Ärzte haben mich eindringlich gewarnt, den Fuß nicht zu belasten. Ein falsches Aufkommen könne das Schraubenmaterial im Fuß verbiegen und somit die Heilungschancen drastisch verschlechtern.

Zum Familien-Alltag kann ich aus meiner Perspektive so gut wie nichts beitragen. Die Heilung dauert mir viel zu lange. Mein Mann und meine Familie kümmern sich rührend. Ich bin sehr dankbar dafür und dennoch tue ich mir selbst leid. Warum musste das ausgerechnet mir passieren? Warum ausgerechnet zu dieser absoluten Hochphase auf der Arbeit? Hätte ich besser aufpassen sollen, wo ich hintrete? Ich sitze viele Stunden alleine zuhause während ich meinen heißen und pochenden Fuß kühle und versuche mit Schmerzmitteln in den Griff zu bekommen. Die Gedanken kreisen und mein sonst so großer Optimismus, meine Lebensfreude, mein Humor schwinden. Meine Laune ist im Keller. Mein Sohn kommt nach Hause und versucht mich aufzumuntern. Er macht gemeinsam mit seinem Papa liebevoll angerichtete Brotplatten für mich. Er malt mir Bilder und baut sein Spielzeug bei mir auf dem Sofa auf, da ich mich nicht zu ihm auf den Spielteppich setzen kann. Meine Familie tut alles, um mir nicht das Gefühl zu geben, dass ich ihnen im Moment eine Last bin. Und dennoch bin ich frustriert. Tränen kullern über mein Gesicht und mein 4-jähriger Sohn tröstet mich und sagt: „Schau mal, Mami. Es wäre doch viel schlimmer, wenn Du beide Füße gebrochen hättest. Und alles Schlechte kann auch was Gutes sein.“ Da schaue ich in das Gesicht dieses großartigen kleinen Jungen und denke, dass er natürlich Recht hat. Es gibt so viel schlimmere Dinge auf der Welt. Menschen, die nach einem Verkehrsunfall Monate im Krankenhaus liegen und fast jeden Knochen gebrochen haben. Menschen, deren Körper durch furchtbare Krankheiten so geschwächt sind, dass sie gar nicht mehr am Leben teilnehmen können und ich? Ich habe „nur“ den Fuß gebrochen. „Du hast so recht und weißt Du was? Mami kriegt das wieder hin!“

Jeden Tag mache ich fleißig Physio. Für jeden kleinen Schritt feiere ich innerlich ein Fest. Mache ich zu viel, rächt sich mein Fuß allerdings umgehend und die nächsten beiden Tage sind gelaufen. Ich lerne mich selbst neu kennen, muss mein Tempo immer wieder anpassen. Meine Physiotherapeutin ist mir eine große Hilfe. Mit ihrer lebensfrohen und humorvollen Art trifft sie genau meinen Nerv. Sie kann aber, wenn notwendig, auch den Drill Instructor rausholen, der mich anspornt da weiterzumachen, wo die Kraft fehlt oder der Schmerz mich zurückhält. Ich mache Fortschritte.

Weihnachten und Silvester verbringen wir sehr ruhig. Es fällt mir schwer, meinen Männern die Vorbereitungen inklusive Deko zu überlassen. Aber sie machen das großartig und ich bin stolz auf sie. Und dann kommt sie endlich – die zweite OP. Das Schraubenmaterial soll entfernt werden. Der Arzt fragt mich, ob ich eine Vollnarkose wünsche. Der Eingriff ist auch mit örtlicher Betäubung machbar. Nachdem ich die erste OP mit Vollnarkose nicht besonders gut vertragen habe, wähle ich die örtliche Betäubung. Wird schon nicht so schlimm werden. Ich erhalte mein super schickes OP-Outfit und werde in den Vorraum des OP-Saals gefahren. Zu meiner Überraschung kommt nochmal ein Anästhesist vorbei und fragt, ob ich wirklich keine Vollnarkose wünsche. Ich lache und sage lautstark: „Ich habe ein Kind ohne Schmerzmittel auf diese Welt gebracht, dann werde ich das hier wohl locker überstehen“. Ich führe diese etwas unüberlegte Äußerung auf meine Nervosität zurück. Im OP-Saal fängt der Chirurg die Arbeit mit seinem „Schraubenzieher“ an und ich kann nicht glauben, welche Schmerzen ich gerade empfinde. Ich habe mich kurz zuvor derartig aus dem Fenster gelehnt, dass ich nun jedoch unter gar keinen Umständen zugeben kann, dass dies ein Fehler war.

Nachdem auch die zweite OP gut überstanden ist, geht es endlich in großen Schritten bergauf. Trotz aller Physio, Anstrengungen und Bemühungen muss ich aber akzeptieren, dass der Fuß eine dauerhafte Beeinträchtigung zurückbehält. Nach der langen Krankschreibung steht nun endlich die Rückkehr ins Büro wieder an.  Während ich im wahrsten Sinne damit beschäftigt war, wieder auf die Füße zu kommen, hat sich die Welt weitergedreht. Neue berufliche Herausforderungen stehen auf dem Plan, die sich ohne Fußbruch vielleicht nicht ergeben hätten.

Wir alle bauen uns ein Leben auf mit einem Alltag, gewissen Standards, Erwartungen, Plänen und vermeintlichen Sicherheiten. Aber dieses Lebenskonstrukt kann jederzeit in sich zusammenfallen wie ein Kartenhaus. Ein falscher Schritt, eine Unaufmerksamkeit kann schon reichen, um alles ins Wanken zu bringen. Sollte uns das verunsichern? Nein! Sollte das unser Verhalten beeinflussen? Ja! Mit einer großen Portion Humor und Gelassenheit lässt es sich viel leichter durchs Leben gehen. Es ist ok, frustriert zu sein. Es ist ok, zu jammern und sich zu bemitleiden, sofern Du danach mit voller Kraft und vollem Lebensgeist wieder zuschlägst. Das Leben fordert uns immer wieder aufs Neue heraus. Nimm an, was ist! Lächle und mache das Beste daraus, denn um mit den Worten meines Sohnes zu enden: „Und alles Schlechte kann auch was Gutes sein“